Das Stoss Schiessen steht vor einem Neustart

Der Stoss‐Schützenverband erhofft sich von ihrem neuen Präsidenten einen Aufschwung.

Anfangs Februar trifft sich der Stoss‐Schützenverband in Gais zu einer ausserordentlichen Versammlung und wagt einen Neustart. Der 1927 gegründete Verband kämpfte in den letzten Jahren mit  starkem  Teilnehmerschwund.  Alt  Nationalrat, Toni Brunner, der für die Wahl zum  neuen  Präsidenten vorgeschlagen wird, soll den Schiessanlass an Gedenken an die Schlachten am Stoss und bei Vögelinsegg Anfang des 15. Jahrhunderts  wieder  aus  der  Krise  führen. Ivo Koller,  designierter  Vizepräsident, hat sich mit einem kleinen Team stark dafür eingesetzt, dass es mit dem Stoss‐Schiessen wieder aufwärts gehen soll. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Herr Koller, interessiert es in der heutigen Zeit noch jemanden, dass vor über 600 Jahren die Appenzeller bei den beiden Schlachten Vögelinsegg (1403) und Stoss (1405) für ihre Freiheit kämpften?
Ivo Koller: Genau das ist meine Überzeugung! Wir müssen die geschichtsträchtigen Ereignisse vom 15. Jahrhundert weitererzählen und die grossartige Leistung unserer Vorfahren würdigen und ehren. Die Appenzeller Freiheitskämpfer haben damals für die uns so wichtige Freiheit gekämpft und sich mit Leib und Leben dafür eingesetzt. Neu bieten wir eine Führung zum Stoss Denkmal an, mit den Erläuterungen zu den damals festgehaltenen Fakten und Mythen.

Mit  dem  neuen  Präsidenten,  Toni  Brunner,  ist  es  ihnen  gelungen  eine  Persönlichkeit  zu  holen,  welche mit seiner Ausstrahlungskraft und seinem Netzwerk bis zu den Bundesräten dem Verband enormen Vorteil bringen wird?
Ivo  Koller: Toni  Brunner  ist  für  unser  Stoss‐Schiessen  sehr  wichtig.  Als  politisch  perfekt  vernetzte  Persönlichkeit und mit seiner authentischen frischen Art, strahlt er Motivation, Zuversicht und eine enorme  Überzeugung  aus.  Ich  freue  mich  zusammen  mit  meinen  Kolleginnen  und  Kollegen  ein  nachhaltiges Stoss Schiessen organisieren zu dürfen.

Am Stoss‐Schiessen 1955 (650 Jahre Schlacht am Stoss) beteiligten sich weit über 2000 Schützen am sportlichen Wettkampf. Ist es ihr Ziel, diese Teilnehmermarke wieder zu erreichen?
Ivo Koller: Ja, ich träume davon – aber ich bin Realist genug um zu wissen, dass eine grosse Aufgabe vor  uns  liegt.  Mit  der  Zusammenlegung  der  beiden  Historischen  Schiessen  „Vögelinsegg“  und  „Stoss“haben wir die einmalige Chance grosses zu erreichen. Ich habe mir vorgenommen während der kommenden  5  Jahre  darauf  hinzuarbeiten.  Wir  müssen  dem  Stoss  Schiessen  eine  Art  Kranzfest  Charakter verleihen, damit wir es schaffen, dass möglichst viele Schützinnen und Schützen aus der ganzen Schweiz dazu gehören und mitschiessen wollen.

Der Vögelinsegg‐Schützenverband musste auf Ende 2019 in Folge Schliessung der Schiessanlage in Speicher  die  Auflösung  bekannt  geben.  Eigentlich  können  Sie  jetzt  davon  profitieren.  Haben  Sie   absichtlich in ihrem neuen Logo auch den Hinweis „Gedenkschiessen an die Schlacht bei Vögelinsegg“ angebracht?
Ivo  Koller: Im  neuen  Logo  erscheinen  beide  Schlachten  mit  den  bekannten  Jahrzahlen  zu  den  geschichtsträchtigen Ereignissen im Appenzellerland. Ebenfalls wird das Wahrzeichen, die Stoss Kapelle, abgebildet sein. Und im Hintergrund erscheint eine Zielscheibe.

Neu wird auch sein, dass es einen Wettkampf für Schützen mit einer Sportwaffe geben wird. Eigentlich atypisch für ein Historisches Schiessen wo nur mit Ordonanzwaffen geschossen wird?
Ivo  Koller: Das  ist  so.  Wir  sind  schweizweit  die  Ersten,  die  diese  Kombination  anbieten  dürfen.  Die  Bewilligung der zuständigen Militärbehörde liegt uns vor. Das Historische Stoss Schiessen bleibt den Ordonnanz Gewehr‐ und Pistolenschützen vorenthalten. Das Historische Vögelinsegg‐Schiessen wird als Gedenkschiessen ausschliesslich den Sportschützen zugänglich gemacht. Ein Gewehrschütze darf also  nur  einen  Wettkampf  absolvieren,  eine  Kombination  mit  dem  Ordonnanz‐Pistolenschiessen  ist  möglich.

Es gibt noch 16 Historische Schiessen in unserem Land. Was wünschen Sie sich am meisten für den Neustart am Stoss‐Schiessen?
Ivo Koller: Da gibt es viel!

  1. Eine unfallfreie Durchführung auf dem feldmässig aufgebauten Schiessstand Stoss in Gais AR.
  2. Einen Grossaufmarsch der Sportschützen sowie der Ordonnanz Gewehr‐ und Pistolenschützen mit viele Zaungäste im Zellweger Stoss Zelt.
  3. Ein schönes von Kameradschaft geprägtes Schützenfest samt feierlicher Schützen Landsgemeinde mit Festlaune und positiver Ausstrahlung über die ganze Schweiz hinaus.
  4. Den langfristigen Fortbestand und Erhalt des feldmässigen, traditionsreichen Stoss Schiessens.

Interview: Peter Fässler
Foto (fä): Der Innerrhoder Ivo Koller, treibende Kraft des Neustart beim Stoss‐Schiessen, beim Stoss‐Denkmal welches an die Schlacht von 1405 erinnert.