Somms Memo, 14. November 2025
Die Fakten: 1452 fand in Zürich das erste eidgenössische Schützenfest statt. Das organisierte Schiessen ist in der Schweiz allerdings noch älter.
Warum das wichtig ist: Nur bewaffnete Bürger bleiben freie Bürger. Das Beispiel der frühen Eidgenossenschaft.
Nachdem ich letzte Woche zum ersten Mal das Rütlischiessen erlebt hatte, war ich vor lauter historischer Ergriffenheit unvorsichtig genug und versprach, das Thema Waffenrecht und Schützenfest in einem nächsten Memo zu vertiefen.
Vor allen Dingen dieser Frage wollte ich nachgehen:
● Warum sind die Schweizer so angefressene Schützen?
● Und das seit so langer Zeit.
Denn kaum waren im 14. Jahrhundert zuerst die Armbrust, dann die Feuerwaffen aufgekommen, schlossen sich die Eidgenossen in Schützenvereinen zusammen, um den Gebrauch dieser neuen Mordsmittel zu üben.
● Geradeso riefen sie Schützenfeste ins Leben, um sich mit anderen Orten, Zünften oder Genossenschaften zu messen. Schon 1452 wurde in Zürich das erste eidgenössische Schützenfest veranstaltet. Es besteht noch heute (wobei die Tradition vielfach unterbrochen wurde).
●1340 (oder 1350) gründeten die Zürcher ihren ersten Schützenverein, einer der ältesten in Europa – nur in Flandern gab es noch ältere. 1420 folgte die Berner Schützengesellschaft, 1466 etablierten sich die Basler Feuerschützen.
Seither wird angelegt, gezielt, geschossen – und gefeiert. Kein Volk scheint schiesswütiger – diesen Eindruck jedenfalls die meisten ausländischen Touristen bekommen, wenn sie von schwerbewaffneten Einheimischen auf dem Velo, im Zug oder auf dem Spaziergang überrascht werden.
Warum?
Weil Waffen und Eidgenossen historisch nicht zu trennen sind.
Wenn es einen Grund gab, warum die Eidgenossen ab 1315, ab Morgarten, so viele Schlachten gegen Ritterheere gewannen, woraus am Ende unser Land entstand, dann lag das auch am freien Waffenrecht, das sich die Eidgenossen – anders als die meisten Europäer – bewahren konnten.
Während die Könige und Fürsten ihre Untertanen nach und nach entwaffneten und nur zum Krieg beizogen, um sie als Kanonenfutter zu verwenden, war in der Eidgenossenschaft die Waffe auch eine Art Bürgerrecht verbunden mit einem Stimmzettel:
● 1231 wurde Uri reichsunmittelbar, das heisst, man war nur noch dem Kaiser direkt unterstellt.
● Gleichzeitig wurde die Landsgemeinde geschaffen – was nötig war, um einen neuen politischen Akteur zu installieren, der den Reichsvogt ablöste. Die Landsgemeinde stieg sozusagen zum Vertreter des Kaisers auf – faktisch war es bald der Souverän. Die Urner erledigten alle ihre politischen, militärischen und justiziellen Dinge selbst – autonom.
● Und jetzt kommts: wahl- und stimmberechtigt war jeder Urner Mann, der älter als 14 Jahre alt war. Zugleich wurde ihm die Pflicht überbunden, eine Waffe zu tragen, oder genauer: für seine Waffe und Kriegsausrüstung besorgt zu sein.
Denn jeder Urner Mann war wehrpflichtig – und so wuchs eines der ältesten Volksheere der Weltgeschichte heran, wenig später gingen Schwyz und Unterwalden, bald Zug, Appenzell und Glarus den gleichen Weg.
Was in den Landorten galt – die allgemeine Wehrpflicht und die Verpflichtung, sich selber zu bewaffnen – das sollten am Ende alle eidgenössischen Orte übernehmen, also auch die Städte, ja, als die Eidgenossen zusehends auch Gebiete unterwarfen und deren Bewohner zu Untertanen machten – wie etwa die Aargauer, die Thurgauer oder die Rheintaler – auferlegten sie diesen sofort ebenfalls die Waffentragepflicht.
● Das muss man sich vorstellen: Die neuen Herren legten Wert darauf, dass sich die Untertanen sofort bewaffneten. Das gab es nur in der Eidgenossenschaft.
Waren die Eidgenossen etwa verrückt geworden?
Nein, vielmehr lag in der Tatsache, dass jeder Eidgenosse in den Krieg zog, der erstaunliche militärische Erfolg der Eidgenossen.
● Wie einst die Athener oder die Römer – so stellte der amerikanische Militärhistoriker Victor Davis Hanson fest – waren die eidgenössischen Haufen regelrechte Bürgerarmeen.
● Das machte sie schier unschlagbar, weil der Bürger seine Heimat und sein Eigentum immer mit mehr Motivation und Verbissenheit verteidigt als ein bezahlter Söldner oder ein blasierter Ritter.
Dass die gleichen demokratischen, egalitären Eidgenossen später dann auch mit der gleichen Motivation und Verbissenheit andere unterjochten, tat ihrer Schlagkraft keinen Abbruch. Noch brachte sie das ins Grübeln.
● Sie hielten sich ohnehin für ein auserwähltes Volk.
Wie anders war sonst zu erklären, dass diese Bauern und Handwerker imstande waren, die Ritterheere, diese Panzerarmeen des Mittelalters, zu besiegen? Thema für ein drittes Memo zum Rütlischiessen.
Vorerst nur so viel zur Auserwähltheit. Gerade weil sie als Bauern und Handwerker eigentlich nicht dazu vorgesehen waren, den Adel zu massakrieren, fühlten sie sich unter einer Art Legitimationsdruck.
Zerbrachen sie nicht die göttliche Ordnung, wo die Adligen für den Krieg zuständig waren, während die Bauern diese bloss ernähren – und ihnen gehorchen sollten?
Um sich aus diesem gleichsam religiösen Dilemma zu befreien, drehten die Eidgenossen den Spiess um:
● Niemand hielt sich selbst für so fromm.
● Zu niemandem pflegte Gott eine so besondere Beziehung wie zu diesem besonderen Bund, den ein Eid vor Gott zusammenhielt.
● Wenn jemand diesen Titel verdiente, davon waren die Eidgenossen überzeugt, dann sie, das «auserwählte Volk».
Diese Bezeichnung aus der Bibel, wo sie natürlich den Juden vorbehalten war, tauchte im 15. Jahrhundert in schweizerischen Texten auf:
● «Ihr Herren im grossen Bund, Gott sei mit Euch zu jeder Stund», sang Mathias Zoller im Murtenlied nach der Schlacht von 1476.
● «Dass Ihr so viele Feinde tot schlagen konntet ohne grossen Schaden und Vergeltung, dafür lobt Gott, den Reichen. Ihr werdet geleitet wie das Volk Israel durchs Meer mit kleinerem Schaden».
1483 schrieb der Berner Chronist Diebold Schilling mit Blick auf die Burgunderkriege:
● «Waren der Fürst von Österreich und die Seinen in Karls des Kühnen Schirm, so waren die löblichen Eidgenossen in des Allmächtigen Gottes Schirm.»
● Der Prediger Johannes Henlein meinte kurz und bündig: «Gott ist zu Bern Burger worden.»
Auch später, als dieses einstige Selbstbewusstsein angeschlagen war, schrieb ein Reformierter nach der Niederlage bei Kappel von 1531:
● «Ach Gott, lass ab von deinem grimmigen Zorn, vergiss dein auserwähltes Volk nicht!» Bei Kappel schlugen die katholischen Innerschweizer die reformierten Zürcher. Zwingli fiel.
Bild: Markus Somm beim Eintrag ins Rütlibuch der Berner Stadtschützen 2025.