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Schützen schützen!

Rede des Präsidenten Dr. Ueli Augsburger
Jahresversammlung Historische Schützen Schweiz 2026

Schützen schützen, les tireurs protègent

Zwei Wörter, ein Programm. Was nach einem Wortspiel klingt, ist in Wahrheit der Kern dessen, was uns seit über hunderten von Jahren zusammenhält. Schützen — damit meine ich nicht nur die Frau und den Mann am Gewehr. Ich meine das Prinzip: Bürger, die bereit sind, für ihre Gemeinschaft einzustehen. Eigenverantwortung und Solidarität — nicht als Gegensatz, sondern als komplementäres Paar. Dieses Prinzip hat die Schweiz gebaut. Und dieses Prinzip zu schützen, ist unsere Aufgabe.

le pricipe de proteger est notre obligation

Lasst mich zurückblicken. Es war anfangs der Nullerjahre, am Erinnerungsschiessen im Stande de Tir St. Georges, organisiert von den Exercices de l’Arquebuse et de la Navigation. Um den Tisch sassen die Präsidenten historischer Schützengesellschaften. Die Stimmung war nicht festlich — sie war besorgt. Und auf einem Bierdeckel formulierte der damalige Luzerner Präsident, Peter Studer, den Zweck unseres Zusammenrückens.

Dass dieser Moment ausgerechnet bei der Arquebuse in Genf stattfand, war kein Zufall. Die Exercices de l’Arquebuse et de la Navigation blicken auf über fünfhundertfünfzig Jahre Geschichte zurück — gegründet als Bürgermiliz zur Verteidigung der Genfer Freiheit. In der Nacht der Escalade, 1602, waren es ihre Vorgänger, die mit eigenen Waffen in der Hand die savoyische Armee von den Mauern stießen. Reformiertes Genf, katholische Innerschweiz — verschiedene Konfessionen, dasselbe Prinzip: Bürger verteidigen ihre Freiheit selbst.

Les cytoiens eux même qui doivent défendre la liberté

Dass der neu gewählte Präsident der Exercices de l’Arquebuse et de la Navigation, Dominique Crétard, heute unter uns ist, freut mich besonders. Was damals auf einem Bierdeckel bei Dir in Genf begann, soll in Zukunft noch enger zusammenwachsen. Denn was die Arquebuse seit über fünfhundertfünfzig Jahren für Genf ist, wollen die Historischen Schützen Schweiz für das ganze Land sein: lebendige Denkmäler schweizerischer Werte.

Was trieb die Gründungsväter damals um? Die Mauer in Berlin war gefallen, die Friedensdividende ausgerufen, und in der Schweiz spürten die Armee-Abschaffer Aufwind. Mit der Armee 95 wurde der Weg eingeschlagen, der das Wort Dissuasion aus dem Vokabular strich und das Sturmgewehr zum Sportgerät umtaufte. Der Mainstream beäugte die Historischen Schießen als letzte Bastion Ewiggestriger.

Wir, die Schützen — während Jahrhunderten Gralshüter von Eigenverantwortung und Solidarität, hoch geachtet in jeder Gemeinde — sahen uns plötzlich in die gesellschaftliche Schmuddelecke versetzt. Der Schütze, der Wehrmann, dem Gemeinwohl verpflichtet, wurde mit Häme bedacht. Wer Zivildienst leistete, wurde gegenüber dem Bürger in Uniform moralisch überhöht.

Die Gründungsväter der HSS handelten, weil sie nicht nur den Armeeabbau mit Sorge beobachteten, sondern etwas Tieferes erkannten: die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Den schleichenden Rückzug aus der Verantwortung für die Gemeinschaft. Den Anspruch auf Rechte ohne die Bereitschaft zu Pflichten.

Haben sie sich getäuscht? Im Gegenteil. Was damals Tendenz war, ist heute Alltag geworden. Die Bereitschaft, etwas für die Gemeinschaft zu tun, ohne sofort zu fragen, was dabei für einen selbst herausspringt — sie ist rarer geworden. Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche Rechte in jedem Lebensbereich eingefordert werden, Pflichten gegenüber der Gemeinschaft aber kleingeschrieben werden. Eine Zeit, in der man lieber Werte erbt als Werte weitergibt.

Es braucht schon einen Krieg vor der Haustür, damit der Mainstream und die Politik aufwachen. Aber auch da ist Vorsicht geboten: Der Ukraine-Krieg wird einmal zu Ende gehen. Die öffentliche Meinung wird sich anderen Themen zuwenden. Die Armee-Abschaffer aber werden immer noch da sein. Eine glaubwürdige Landesverteidigung braucht mehr als Aufrüstungsdebatten im Schatten eines Krieges — sie braucht eine Gesellschaft, die den Wert der Verteidigungsbereitschaft verinnerlicht hat. Und genau das leisten die historischen Schiessen.

Werte und Traditionen bilden das Fundament einer Gesellschaft: sie bieten Orientierung, Identität und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Während Werte die inneren Überzeugungen und moralischen Kompasse beschreiben, sind Traditionen die gelebten Praktiken, die diese Werte über Generationen hinweg sichtbar und erlebbar machen. Jedes auch kleinste regionale historische Schiessen ist bedeutsam — ist identitäts- und zusammenhaltstiftend.

Das Bourbaki- und das Studen-Erinnerungsschiessen sind leuchtende Beispiele der Neuzeit, die die Sinnhaftigkeit historischer Schiessen bestätigen. Auch hier in Bern haben die Stadtschützen Respekt und Anerkennung zurückgewonnen — Bus und Tram stehen still, wenn die Schützenfahnen durch die Altstadt flattern.

Die Schützengemeinde darf und soll sich zeigen.

La communauté des tireurs peut et devrait se manifester.

In Zusammenarbeit mit Swiss Olympic leistet der Schweizerische Schiesssportverband Hervorragendes im Bereich Spitzen- und Breitensport. Die Weltklasse-Resultate sind sein Verdienst. Hierfür danken und gratulieren die Historischen Schützen Schweiz den Athleten und Funktionären. Im Gegensatz zum SSV bewegen wir uns nicht in der grossen weiten Welt des Sports — wir sind der Heimat verhaftet. Wir pflegen jene bewährten Gesellschaftswerte, die, wie die Geschichte immer wieder bestätigte, dazu beigetragen haben, dass die Schweiz das ist, was sie heute ist. Unser Motto der kameradschaftlichen Zusammenarbeit: mit Moltke gesprochen — getrennt marschieren, vereint schlagen.

Hat der Vorstand in den verflossenen Geschäftsjahren die Erwartung unserer Gründungsväter erfüllt? Verpackt in einer Prise Demut meine ich: ja. Denkt an unsern Beitrag beim Waffenrecht-Abstimmungskampf, dem Rütli Remisebau und Lizenzierung des mobilen Kugelfangs fürs Grimsel Erinnerungsschiessen. Alles Unterfangen die dem Erhalt und der Förderung der Historischen Schiessen förderlich sind.  

Unser Auftrag kennt kein finales Ziel, gleichsam dem Bildungswesen, kommende Generationen sind immer aufs Neue einzuschulen. Wir sind heute gut aufgestellt. Aber ohne eure aktive Hilfe wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Ein wohliges Zurücklehnen darf es nicht geben. Die Erosion von Werten und Traditionen ist kein Naturereignis, dem man hilflos zuschaut — sie ist ein Prozess, dem man entgegentritt. Jeden Tag. In jeder Gemeinde. In jedem Schiessstand. Die Historischen Schiessen sind die Orte, an denen alle Bevölkerungsschichten zusammenkommen: Jung und Alt, Stadt und Land, Nationalrat und Werktätige. Nicht die Herkunft zählt hinter dem Gewehr, sondern die Haltung.

Vergessen wir nie, was unsere Gründungsväter auf einem Bierdeckel in Genf festhielten.

N’oublions jamais ce que nos pères fondateurs ont écrit sur un sous-bock à Genève.

Vergessen wir nie, wofür die Schützen seit über Jahrhunderte stehen.

N’oublions jamais ce que les tireurs ont représenté pendant des siècles.

Vergessen wir nie: Schützen schützen.

N’oublions jamais, les tireurs protègent !